Classen, Annika
Dr. Annika Claßen, Foto: Klaus Schmidt

Eine internationale Arbeitsgruppe unter Leitung der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI) hat eine Leitlinie zur personalisierten Phagentherapie entwickelt. Beteiligt waren 20 Fachgesellschaften, 18 internationale Expertinnen und Experten – darunter federführend die Kölner Forscherin Dr. Annika Claßen – sowie Vertretungen von Behörden und Patientenvertretungsorganisationen. Die Leitlinie umfasst mehr als 60 praxisorientierte Empfehlungen zu Auswahl und Testung geeigneter Phagen, Infrastruktur, Herstellung und Qualitätskontrolle, Anwendung, Monitoring und Dokumentation sowie zu zukünftigen Forschungsfragen. Das Consensus Statement wurde am 21. September 2026 im Fachmagazin Nature Medicine veröffentlicht.

Mit der Leitlinie liegt erstmals ein international abgestimmter Rahmen für die klinische Anwendung personalisierter Phagentherapien vor. Bislang fehlten einheitliche Empfehlungen für zentrale Schritte der Behandlung und Qualitätsstandards für den Einsatz von Phagen als Therapeutika.

Eine Therapieoption für schwer behandelbare Infektionen

Antibiotikaresistente Bakterien erschweren weltweit die Behandlung von Infektionen. Bakteriophagen – kurz Phagen – sind Viren, die Bakterien gezielt infizieren und abtöten können. Anders als viele Antibiotika wirken sie meist nur gegen bestimmte Bakterienarten oder einzelne Stämme. Vor einer Behandlung muss daher geprüft werden, ob ein geeigneter Phage gegen den jeweiligen Erreger wirksam ist.

Eine personalisierte Phagentherapie kann insbesondere dann in Betracht gezogen werden, wenn etablierte Behandlungsmöglichkeiten nicht wirken, nicht verfügbar oder nicht geeignet sind. Die bisherige klinische Forschung weist auf ein günstiges Sicherheitsprofil hin, wenn Phagen nach geeigneten Qualitätsstandards hergestellt und angewendet werden. Ihre Wirksamkeit ist jedoch noch nicht ausreichend durch kontrollierte klinische Studien belegt. Die neue Leitlinie versteht Phagentherapie daher als individuell zu prüfende Therapieoption und nicht als allgemein verfügbare Standardbehandlung.

Beobachtungsdaten liefern erste Hinweise auf mögliche Behandlungserfolge: In einer belgischen Fallserie mit 100 behandelten Menschen verbesserte sich der klinische Zustand bei 77 Prozent; bei 61 Prozent waren die behandelten Bakterien anschließend nicht mehr nachweisbar. Solche Daten ersetzen jedoch keine kontrollierten klinischen Studien.

„Die Standardisierung von Qualitätskriterien zur Herstellung von Phagen für die personalisierte Anwendung sowie die Benennung infrastruktureller Voraussetzungen sind essenzielle Bestandteile der Leitlinie und wichtige Voraussetzungen für verlässliche Behandlungen,“ sagt Dr. Annika Yanina Claßen, die im Schwerpunkt für Klinische Infektiologie der Klinik I für Innere Medizin der Uniklinik Köln und am Institut für Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene (beides Mitglieder im Centrum für Infektionsmedizin (CIM)) forscht. Dr. Claßen war federführend an der Entwicklung der Leitlinie beteiligt. Die Fachärztin für Innere Medizin und Infektiologie leitet an der Uniklinik die Arbeitsgruppe „Translationale Bakteriophagen-Forschung“ und koordiniert am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) das von ihr aufgebaute Netzwerk PhageNET DZIF als Plattform für den wissenschaftlichen und klinischen Austausch zur Phagentherapie. Seit Januar 2026 bringt sie ihre Expertise zudem in das vom DZIF geförderte Forschungsprojekt Phage-LIVE ein, das innovative Therapien gegen multiresistente Escherichia-coli-Bakterien im Darm entwickeln will.

Die Leitlinie vereint Expertise aus den Bereichen Mikrobiologie, klinische Medizin, Pharmazie, Herstellung und Regulierung. Sie soll Fachleuten dabei helfen, die Voraussetzungen und Grenzen einer individuellen Phagenbehandlung besser einzuschätzen.

Die Leitlinie wurde im strukturierten Rahmen der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) konsensbasiert entwickelt. Sie ist vom 5. Januar 2026 bis zum 29. Juni 2030 gültig. Das zuständige Komitee soll jährlich prüfen, ob eine Aktualisierung erforderlich ist.

Originalpublikation:

Titel: A Consensus-based Guideline for Personalized Bacteriophage Therapy
Veröffentlichung:Nature Medicine, 21.09.2026
DOI: 10.1038/s41591-026-04654-6